Bread & Butter 2017 with Vivienne Westwood

Vier Meter von mir entfernt sitzt Dame Vivienne Westwood. Uns trennen nur die Höhe des Podests und die Security ein paar Schritte weiter. Sie rückt ihre Lesebrille zurecht und sortiert ihr Paillettenkleid wobei ihre Zettel zu Boden gleiten. Vivienne Westwood lacht, hebt sie auf und beginnt ein chinesisches Gedicht vorzutragen. Dieser Augenblick erscheint mir so surreal. Dort auf der Bread & Butter Bühne sitzt eine der größten lebenden Mode-Ikonen unserer Zeit. Es hat etwas großmütterliches wie sie dem Saal einen anderen  Blick auf die Welt schenkt. Vivienne Westwood live und hautnah ist für mich das Highlight einer rundum gelungen Bread & Butter 2017. „Bread & Butter 2017 with Vivienne Westwood“ weiterlesen

Vivienne Westwood talks at Bread & Butter

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Was ist Ironie? Wer bisher keine passende Definition finden konnte, hier kommt die Antwort der Modebranche: Ironie ist, wenn Zalandos Trend-Messe Bread & Butter Vivienne Westwood zum Panel-Talk einlädt – und diese die Zuhörer auffordert:

„Don’t buy anything this season!“

Letzte Woche lud Zalando Presse und Modeleute ein, um das Konzept für die Bread & Butter 2017 vorzustellen. In einem Panel sprachen unter anderem Model und Aktivistin Adwoa Aboah und Vivienne Westwood über die modernen Abläufe der Modeindustrie und Social Media, um mit Content-Transfer für die Veranstaltung zu werben. Thema BOLD, bei allen Rednern unter dem großen Aspekt Konsum. Doch Dame Westwood nutzte die Bühne um auf Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung aufmerksam zu machen. Vivienne Westwood die Queen of Punk. Ständige Rebellin.

„Bold… how do you become bold? Well, I think that you have to make a choice and I think at least 50 percent of the people in the world have never made a choice or decision in their lives. […] And if you want bold, that´s what you got to do. You have to choose and you have to choose less. You can´t just keep on buying things. The best thing I´ve ever said is: Buy less, choose well and make it last.“ – Vivienne Westwood

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Eine deutliche Ansage und gerade im Kontext einer auf Konsum ausgerichteten Veranstaltung sehr mutig. Ebenfalls sehr beeindruckend der kleine Seitenhieb auf ihr eigenes Unternehmen. Die Marke Vivienne Westwood sei zu groß und es ließe sich nicht mehr alles kontrollieren. Durch die aktuelle Produktionskette wird die Qualität nicht mehr den Ansprüchen der Designerin gerecht.

„Buying less and choosing quality means that designers can make better fashion, not just lead by marketing and commercial interests. Fashion is part of culture, but not at the moment.“

Ist es nicht traurig, dass große Designer, Ikonen des 20. Jahrhunderts, den Werdegang ihres eigenen Unternehmens ablehnen oder nicht mehr zu 100% hinter ihren Kollektionen stehen? Fast Fashion hat nicht nur für unseren Planeten, Näherinnen und andere Zulieferer schlimme Auswirkungen – nein, es hat auch für die Modemacher Negativfolgen. Die zunehmende Gier nach Konsum zwingt Designer ihre Qualitätsansprüche zu senken, um schneller und mehr produzieren zu können. Sie zeigen ihre Kollektion für die nächste Saison auf dem Laufsteg, doch noch bevor diese ein halbes Jahr später in den Läden hängt, ist sie schon veraltet. In der Zwischenzeit haben Highstreet-Labels den Trend adaptiert und potentielle Käufer sich bereits an den überfluteten Schaufenstern satt gesehen. Es ist mutig, als Designer die eigene Reichweite zu nutzen, um für die eigenen Interessen zu werben. Gegen den Konsum. Gegen die eigene Marke.

Vivienne Westwood ist eine starke Persönlichkeit und eine beeindruckende Frau. Wie richtungsweisend ihre Meinung ist, scheint vielen jedoch gar nicht bewusst zu sein. Jüngere Generationen mögen ihren Namen kennen, das umwerfende Brautkleid aus Sex and the City in Verbindung bringen, aber solange keine It-Bag am Arm der Stars und Modeblogger baumelt, ist sie für viele nur die Designern mit den orangen Haaren. Deshalb möchte ich hier einen Blick auf die Designerin werfen, um ihren Werdegang zu beleuchten.

Sie wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf. Als Tochter einer Weberin und eines Schuhmachers hatte sie schon früh die ersten Kontakte zur Mode.  Obwohl sie sich seit ihrer Schulzeit für das Modemachen interessierte, konnte sie sich lange Zeit nicht vorstellen, in dieser Branche zu arbeiten. Erst als sie ihren zweiten Mann, Malcolm McLaren, kennenlernte, kam sie der Mode näher. Es war die Zeit der Hippie-Bewegung, diese hatte allerdings keinen Einfluss auf Vivienne Westwoods Kreationen. Vielmehr inspirierten sie die 50er Jahre, Rebellion, Musik und Erinnerungsstücke. Sie nahm Kleidungsstücke auseinander, um sie dann wieder zusammenzusetzen. Schnell zeigte sich ihre Fähigkeit und sie gründete gemeinsam mit ihrem Mann 1971 die Boutique „Let it rock“. Ihre Inspirationsquellen änderten sich mit den Jahren, ihre Meinungen wurden immer radikaler. Der Shop wurde mehrmals umbenannt zu „Too fast to live, too young to die“, zu ganz einfach „Sex“ oder „Seditionaries“. Ihre Modekreationen wurden inspiriert von Biker-Kleidung und der SM-Szene. Sie verarbeitete Leder, Latex, Reißverschlüsse und Sicherheitsnadeln und zeigte Shirts mit provokativen Aufschriften. Vivienne Westwood gilt als Begründerin der Punk-Mode und prägte die Bewegung maßgeblich. Prostituierte, Anarchisten und Models kauften ihre Kleidung. Dennoch hatte die Designerin wenig finanziellen Erfolg und zog ihre Söhne in einem Wohnwagen groß.

Ihre Boutique wurde im Laufe der Zeit zu einem Treffpunkt der Londoner Punk-Rock-Szene, zu der auch die Sex Pistols, Chelsea und Mark Stewart gehörten. 1975 übernahm McLaren das Management der „Sex Pistols“. Vivienne Westwood litt zum Teil sehr unter ihrem Mann und ihre Beziehung war labil. Das Leben der beiden war geprägt von Demonstrationen und Randale und gemeinsam mit den „Sex Pistols“ wurde Westwood zweimal verhaftet.

1981 präsentierte Vivienne Westwood ihre erste professionelle Kollektion Pirates (H/W ’81) bei einer Laufstegmodenschau im Rahmen der London Designers Collection in der Olympia-Ausstellungshalle. Damit nahm sie vom Punk Abschied, da die Bewegung zum Mainstream geworden und im Bürgerlichen verankert war. 1983 trennte sie sich von McLaren.

Es folgten weitere Kollektionen und schließlich schlug sie eine Richtung ein, die bis heute ihre Mode prägt. Inspiriert von Gemälden früherer Jahrhunderte begann sie, Kleider aus diesen Zeiten auseinanderzunehmen, ihre Schnitte zu erforschen und dieses Wissen für ihre neuen Kollektionen zu nutzen. Mit der Harris Tweed Kollektion (H/W 1987) gab es einen erneuten Wendepunkt in Vivienne Westwoods bisheriger Designer-Laufbahn. Geprägt war sie von eleganten und kunsthandwerklich anspruchsvollen Schnitten und Formen. In dieser Kollektion präsentierte sie auch das Statue of Liberty Korsett, – bis dahin das erste, das bei einer Modenschau als Oberbekleidung präsentiert worden war. Höfische Röcke, Latex und gleichzeitig traditionelle englische Stoffe wie Tweed und Muster wie Schottenkaros prägten ihren weiteren Werdegang. Ständig im Fokus Provokation und Regelbrüche.

Ende der 1980er begann Vivienne Westwood an der Universität für angewandte Kunst in Wien zu lehren. Einer ihrer Studenten war Andreas Kronthaler, den sie 1992 heiratete. Er unterstützt sie als Designer für ihr Label und beide verbindet sowohl ein ausgefallener Modestil als auch ein großes politisches Engagement. Seit Oktober 2007 verwendet sie keinen Pelz mehr für ihre Kollektionen und Kostüme. Am 11. November 2007 machte Westwood im Rahmen der „Berliner Lektionen“ ihr politisches Manifest „Active Resistance to Propaganda“ bekannt. Ein Aufruf zum Widerstand gegen Propaganda jeglicher Art und für Konsumverzicht, vermittelt durch fiktive Dialoge zwischen Alice im Wunderland, Pinocchio und Aristoteles.

Good to know

Vivienne Westwood gilt zusammen mit Malcolm McLaren als Erfinderin der Punk-Mode und ist für die modische Renaissance verantwortlich. Eine Inspiration für die Designerin war Christian Diors Mode der Nachkriegszeit. Sie setzte seine femininen Kreationen in überspitzter Weise für ihre eigenen Kollektionen um. Viele Stilelemente Westwoods wurden wiederum von Designern wie Jean Paul Gaultier aufgegriffen. Unvergessen blieb auch der Augenblick als Supermodel Naomi Campbell bei einer ihrer Shows mit den 25cm hohen Plateauschuhen stolperte, die Vivienne Westwood entworfen hatte.

2006 bekam die Designerin die Auszeichnung Dame Commander of the Order of the British Empire verliehen. Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie noch die Auszeichnungen Britische Modeschöpferin des Jahres, Officer of the Order of the British Empire, BambiWomen’s World Award – World Fashion Award, Ehrensenatorin der Universität der Künste (UdK) Berlin und Peta UK Vegan Fashion Award.

Dame Vivienne Westwood ist nicht nur in der Geschichte der Mode eine bedeutende Persönlichkeit, sondern auch unter politischen und gesellschaftskritischen Gesichtspunkten. Ich bewundere sie für ihre Mode, Werdegang und Mut. Kleidung berührt uns alle, ob unter modischen oder funktionalen Aspekten. Wir sollten an diesem Punkt, der uns alle etwas angeht, ansetzen  und die Welt ein bisschen besser machen.

„Buy less, choose well and make it last.“ – Vivienne Westwood

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Picture credit: Bread & Butter


What is irony? If you can not find a suitable definition, here is the answer of the fashion industry: Irony is when Zalando’s trend show Bread & Butter invites Vivienne Westwood for a panel talk – and she summons the audience:

„Do not buy anything this season!“

Last week, Zalando invited press and fashion professionals to present the Bread & Butter concept. In a panel, model and activist Adwoa Aboah and Vivienne Westwood talked about the modern processes of the fashion industry and social media to promote content transfer for the event. Topic BOLD, for all speakers under the large aspect consumption. But Dame Westwood used the stage to draw attention to topics such as sustainability and social responsibility. Vivienne Westwood the Queen of Punk. Constant rebel.

„Bold… how do you become bold? Well, I think that you have to make a choice and I think at least 50 percent of the people in the world have never made a choice or decision in their lives. […] And if you want bold, that´s what you got to do. You have to choose and you have to choose less. You can´t just keep on buying things. The best thing I´ve ever said is: Buy less, choose well and make it last.“ – Vivienne Westwood

A clear announcement and especially in the context of a consumer-oriented event very brave. Also very impressive is the little hit on her own company. The brand Vivienne Westwood got too big and she could not control everything. Due to the current production chain, the quality no longer meets the requirements of the designer.

„Buying less and choosing quality means that designers can make better fashion, not just lead by marketing and commercial interests. Fashion is part of culture, but not at the moment.“

Isn´t it sad that great designers, icons of the 20th century, reject the career of their own company or are no longer 100% behind their collections? Fast Fashion has not only a terrible impact on our planet, seamstresses and other suppliers – no, it also has negative consequences for designers. The growing greed for consumption forces designers to lower their quality requirements in order to be able to produce faster and more. They show their collection for the next season on the catwalk, but even before it gets in the shops half a year later, it is already outdated. In the meantime, high-street labels have adapted the trend and potential buyers have already been fed up with the flooded shop windows. It is courageous, to use your reach as a designer to promote your own interests. Against consumption. Against your own brand.

Vivienne Westwood is a strong personality and an impressive woman. However, many people do not seem to be aware of the direction of her opinions. Younger generations may know her name, the stunning wedding dress from Sex and the City, but as long as no it bag dangling at the arm of the stars and fashion bloggers, she is for many only the designer with the orange hair. That is why I would like to take a closer look at her to shed light on her career.

She grew up in very simple circumstances. As the daughter of a weaver and a shoemaker, she had early contact with fashion. Although she was interested in designing since her school days, for a long time she could not imagine working in this industry. It was only when she met her second husband, Malcolm McLaren, that she came closer to fashion. It was the time of the hippie movement, but it had no influence on Vivienne Westwood’s creations. Rather, she was inspired by the 1950s, rebellion, music and memorabilia. She took clothes apart to put them together again. She quickly became aware of her ability and together with her husband she founded the „Let it rock“ shop in 1971. Her sources of inspiration changed with the years, her opinions became more and more radical. The shop has been renamed „Too fast to live, too young to die“, „Sex“ or „Seditionaries“. Her fashion creations were inspired by biker clothes and the SM-scene. She used leather, latex, zippers and safety needles, and showed shirts with provocative inscriptions. Vivienne Westwood is regarded as the founder of punk fashion and shaped the movement decisively. Prostitutes, anarchists and models bought bought her clothes. Nevertheless, the designer had little financial success and raised her sons in a caravan.

Over the years, her boutique became a meeting point for the London punk rock scene, including the Sex Pistols, Chelsea and Mark Stewart. In 1975 McLaren took over the management of the „Sex Pistols“. Vivienne Westwood suffered in part very much under her husband and her relationship was unstable. The lives of the two were marked by demonstrations and marginalized and together with the „Sex Pistols“ Westwood was arrested twice.

In 1981 Vivienne Westwood presented her first professional collection, Pirates (A/W ’81), at a London fashion show collection at the Olympia exhibition hall. She took leave of the punk as the movement became mainstream and anchored in the bourgeoisie. In 1983, she parted from McLaren.

There followed further collections and finally she took a direction, which still characterizes her fashion to this day. Inspired by paintings of earlier centuries, she began to disassemble clothes from these times, explore the cuts and use this knowledge for her new collections. With the Harris Tweed Collection (A/W 1987) there was a new turning point in Vivienne Westwood’s previous designer career. It was characterized by elegant and crafty cuts and shapes. In this collection, she also presented the Statue of Liberty corset, which was the first corset to be presented as a topwear in a fashion show. Courtly skirts, latex and at the same time traditional English fabrics such as tweed and patterns such as tartan shaped her further career. Constantly focused on provocation and rule breaks.

At the end of the 1980s, Vivienne Westwood began to teach at the University of Applied Arts in Vienna. One of her students was Andreas Kronthaler, whom she married in 1992. He supports her as a designer for her label and both combine a fancy fashion and a great political commitment. Since October 2007, she has no longer used fur for her collections and costumes. On November 11, 2007, Westwood announced its „Active Resistance to Propaganda“ manifesto as part of the „Berlin Lessons“. A call for resistance to propaganda of all kinds and for consumption, mediated by fictional dialogue between Alice in Wonderland, Pinocchio and Aristotle.

Good to know

Vivienne Westwood, together with Malcolm McLaren, is the inventor of punk fashion and is responsible for the fashionable Renaissance of the corset. An inspiration for the designer was Christian Dior’s fashion of the post-war period. She transformed his feminine creations in an exaggerated way for her own collections. Many of Westwood’s styling elements were once again taken up by designers such as Jean Paul Gaultier. The moment when Supermodel Naomi Campbell stumbled on one of her shows with the 25cm high plateau that Vivienne Westwood had designed will never be forgotten.

In 2006 the designer received the award „Lady Commander of the Order of the British Empire“. In the course of her career, she was awarded the British Fashion Designer of the Year Award, Officer of the Order of the British Empire, BambiWomen’s World Award – World Fashion Award, the Berlin University of the Arts (UdK) and the Peta UK Vegan Fashion Award.

Dame Vivienne Westwood is not only an important personality in the history of fashion, but also in political and societal criticism. I admire her for her fashion, career and courage. Clothing affects us all, whether under fashionable or functional aspects. At this point, which is something for us, we should tackle and make the world a bit better.

„Buy less, choose well and make it last.“ – Vivienne Westwood